bezahlter Journalismus im Netz. So geht’s?

Ich trage seit ein paar Monaten eine Idee mit mir herum, die sich mit dem Problem befasst, dass Online-Journalismus von den Lesern zu schlecht/ gar nicht / nur über den Banner-Umweg entlohnt wird. Ich halte zwar das Leistungsschutzrecht für unfassbaren Unfug, aber das heißt ja nicht, dass die Verleger nicht dringend Wege brauchen, um ihre Redaktionen zu finanzieren. Heute lese ich, dass das Schwäbische Tagblatt auf das Zahlungsmodell umstellt, das ich für das sinnvollste erachte – Micropayments, quasi pay-per-view statt Abonnement.

Beim Tagblatt kostet ein Artikel in Zukunft 15 Cent und steht nach „Kauf“ bzw. besser: Erwerb des Nutzungsrecht für einen Zeitraum von 6 Wochen, zur Verfügung. 15 Cent halte ich als generellen Wert für etwas zu hoch gegriffen und die „nur“ 6 Wochen Nutzungsdauer kann ich mir nur dadurch erklären, dass die Server dann aufgeräumt werden müssen, um Platz für neue Artikel zu schaffen. Wie war das noch gleich, #dasNetzvergisstnichts? Naja. Vielleicht will ja niemand mehr einen 7 Wochen alten Artikel bei der Zeitung lesen, aber dennoch halte ich die zeitliche Beschränkung für unglücklich.

Vergütungsmodell

Ich versuche das Verügtungsmodell, wie ich es mir vorstelle, so unkompliziert wie mir eben möglich, zu beschreiben. Als Erstes würde ich zwischen verschiedenen Artikelgattungen unterscheiden. Ich will das hier nicht im Einzelnen durchführen, aber ein Beispiel: Ich bin sehr gerne bereit Geld für tolle Hintergrundartikel zu zahlen. Zuletzt gab es zum Beispiel ein wirklich großartiges 7-seitiges (!!!) Portrait auf Zeit-Online über Frau Kraft. Ich zahle aber dagegen nicht für eine dpa-(Eil)Meldung, die hastig auf die Homepage gesetzt wurde oder irgendwelche überflüssigen Ticker. Kommentare, Glossen, Videos usw. sind auch redaktionelle Leistungen, für die ich zahlen würde. Wie teuer so ein Artikel sein darf, damit er gekauft wird, ist dann aber natürlich wieder die Frage. Für den erwähnten Kraft-Artikel wären vermutlich 59 Cent in Ordnung. Für einen Kommentar von Herrn Augstein oder Herrn Lobo vielleicht 19 Cent? Als vertretbare Preisspanne erscheinen mir 9 bis 59 Cent (Ausnahmen erwünscht).

Autoren an die Front

Nur woher weiß ich als Leser – bevor ich den Artikel gelesen habe – ob mir der Artikel gefallen wird? Nun, einmal kann man natürlich eine Leseprobe anbieten. Das wird aber bei kurzen Artikeln etwas knifflig, das sehe ich ein. Der Ausweg: Man etabliert die Autoren, stellt sie mehr in den Vordergrund – das gefällt sicherlich insb. den Journalisten selber. Ich weiß beispielsweise, was ich ungefähr erwarten kann, wenn ich einen Text von Lobo oder Augstein lese. Da könnte ich blind zuschlagen oder eben die Finger von lassen. Viele andere Journalisten kenne ich allerdings nicht namentlich, hier müsste sich vielleicht etwas ändern.  Denn es gibt auch auf den Seiten der seriösen Nachrichtenprotale unfassbar unnötige Quatschartikel, die sich in einem angeteaserten Text vielleicht noch ganz gut anhören. Aber was eben in keinem Fall passieren darf ist, dass die potentiell zahlenden Leser irgendwann gar keine Artikel mehr bei Zeitung X lesen, weil sie ein paar mal schlechte Erfahrungen gemacht haben. Rücke ich den Autoren mehr in den Fordergrund, verknüpfe ihn via Marketing geschickt mit der Zeitung, ist eine Enttäuschung vermutlich seltener (ich sag mal: Uses-and-Gratification). Hier ist für die Verleger aber einiges an Arbeit angesagt, dass die guten Autoren bedeutender Teil der Marke der Zeitung werden.

Praktisch: Bezahlung durch die Leser

Aber wie soll das nun mit der Bezahlung praktisch umgesetzt werden? Ich persönlich habe keine Lust darauf, für jeden Artikel über eine Warenkorb-Einkauf-bestätigen-Seite klicken zu müssen und vielleicht sogar immer wieder meine Kontodaten eingeben zu müssen. Es sollte mindestens ein Profil geben, in dem meine Zahlungsdaten hinterlegt sind. Ich möchte auch nicht bei jedem Artikel eine Zwischenseite oder Meldung klicken, die mich fragt, ob ich mir sicher bin, dass ich den Text lesen will. Das wäre vermutlich auch bei Verlinkungen die von Facebook kommen schwierig. Und ich möchte – ganz wichtig – nicht bei jedem Verlag ein Profil anlegen müssen und mich jeden tag dort aufs Neue einloggen müssen. Nein, es darf sich im Prinzip für die Leser in der Nutzung nichts ändern. Nur dann ist ein relativ sanfter Wechsel zu einem Bezahlmodell auch kurzfristig erfolgrversprechend.

Praktisch stelle ich mir das so vor: Es gibt einen oder zwei oder drei Anbieter, die mehrere (im besten Fall alle) Online-Angebote der überregionalen Zeitungen in ihrem Portfolio haben – so eine Art digitaler Kiosk. Dort lege ich einen Account an, über den die pay-per-view-Bezahlung der Artikel dann per Paypal, Kreditkarte, Überweisung o.ä. abläuft. Wenn ich meinen Browser starte, wird automatisch ein Add-On mitgeladen, dass mich einloggt. So merke ich keinen Unterschied zu der Internet-Nutzung, wie ich sie seit Jahren gewohnt bin, denn wenn ich auf einen Artikel klicke, erscheint dieser ganz einfach. Natürlich muss ich vorher sehen können, was mich der Klick kosten wird, die Info steht dann in einem schicken, sichtbaren Preisschild neben der Überschrift. Ganz einfach!

Ganz wichtig: Es handelt sich nicht um ein Abomodell! Ich will nicht monatlich einen fixen Betrag an SZ, FAZ, Spiegel usw. zahlen. Natürlich könnte man sich / ich mir Baukasten-Systeme wie z.B. bei den Sky-Sendern vorstellen, bei denen ich Autoren oder Ressorts bei verschiedenen Anbietern buche und dadurch einen preislichen Vorteil bekomme. Aber das ginge dann jetzt hier zu weit. Zunächst mal sollte das System ja sehr schnell begreiflich sein. Ausgeweitet werden kann und muss es dann später immer noch.

Wer macht’s?

Als Anbieter dieser Services kann ich mir etablierte Dienstleister vorstellen, denen man (der eine dem mehr und dem weniger) vertrauen kann, dass die Server auf denen meine Daten liegen, halbwegs sicher sind und ich bei der Bezahlung nicht veräppelt werde. Vielleicht die Telekom oder Apple oder oder oder. Natürlich könnten die Verleger sich auch zusammentun und einen Dienst komplett neu erschaffen, das hat den Vorteil, dass sie sich nicht wieder von einem Dritten abhängig machen. Allerdings hätte das den gewaltigen Nachteil, dass sie sich untereinander abstimmen müssen und trotzdem ein Portal auf die Beine stellen müssen, das aktuellen Usability-Maßstäben genügt und technisch ausgereift ist, permanent gepflegt werden muss usw. Und das alles, bevor sie pleite gehen.

Nun, was sagt ihr? Das war jetzt der grobe Überblick über meine Idee, ein paar Feinheiten (zB. ein Bewertungssystem für gekaufte Artikel…) hab ich ausgelassen. Klingt das nach einem sinnvollen Bezahlmodell, das ich nun hier ausgeplaudert habe und damit leider niemals mehr steinreich werden kann? Und vor allem: Würdet ihr dieses Bezahlmodell nutzen wollen?

2 Comments

  1. flattr finde ich für den privaten blogbereich spannend, aber im professionellen bin ich mir da nicht sicher ob das der beste weg ist.

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