30 Sekunden? 30 Euro!

Ich bin vergangene Woche endlich aus der Kirche ausgetreten. Das habe ich seit Jahren vor mir hergeschoben, weil ich keine Lust hatte, dafür extra zum Amtsgericht zu fahren, um mich dort anzustellen und ein Formular zu unterzeichnen. Im Stillen habe ich auch gehofft, dass sich das Austrittsverfahren irgendwann ins Internet verlagert. Leider passierte das bisher nicht.

Aber vielleicht ist das Verfahren vor Ort so aufwendig, dass man das nicht über das Internet machen kann? Es kann ja sein – dachte ich vorher – dass man mit einem chirurgischen Eingriff die Seele aus der Brust (wo sitzt die eigentlich?) skalpiert bekommt oder man sich dreimal im Kreis drehen muss, einen Handstand vorführen soll und am Ende das Vater unser rückwärts vorbeten soll, um alles rückgängig zu machen, oder einen Rosenkranz zerschneiden… oder so. Alles nicht.

Aber wenn man schon kein „Entertainment“ bekommt, wieso soll man dann dorthin fahren und wieso kostet der AUStritt auch noch 30,- Euro? Ja genau, 30 Euro plus Parkgebühren und Anfahrt! Ich kannte das bisher nur andersherum, dass man bei Eintritt in einen Club zahlen muss… Also, was kriegt man für sein Geld? In Düsseldorf zahlt man an der Kasse des Gerichts 30 Schleifen und geht dann in das entsprechende Amtszimmer, dort wartet dann eine – zugegebenermaßen freundliche – Dame, bei der man einen Zettel unterzeichnen muss, dann bekommt man eine Bestätigung des Austritts und… nix! Das wars! Dieser 30-sekündige Vorgang kostet ganz ernsthafte und humofreie 30 Euro.

Nun könnte man sagen „Ingo“, könnte man sagen, also „Ingo, aber der ganze Vorgang, dass du keine Steuer mehr zahlen musst, der wird doch in Gang gesetzt, das müssen Menschen abarbeiten und die sollen doch auch Geld verdienen, sonst kommt Günter Wallraff, schmuggelt sich ein und macht nachher eine SternTV-Reportage draus!“. Das Könnte man zwar behaupten, nur würde es nicht stimmen. Ich bin zwar nun offiziell religionsfrei, nur heißt das nicht, dass ich keine Kirchensteuer mehr zahlen muss. Von wegen! Ich muss jetzt zunächst meine Steuerkarte beim Arbeitgeber anfordern, dann eine Kopie der Austrittsbestätigung beilegen, dem Finanzamt senden und dann, erst dann meine Damen und Herren, dann zahle ich ab dem darauf folgenden Monat keine Kirchensteuer mehr (so beschreibt es zumindest die Bedienungsanleitung zum Austritt).  Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das der effizienteste Weg der Umsetzung dieses Vorgangs ist… Aber es ist doch schön, wenn man seinen Arsch hoch bekommen hat, aus der Kirche austzutreten, kann man sich nicht zur Entspannung wieder ins Sofa fallen lassen, nein, man muss den nächsten Verwaltungsakt in Gang setzen… sogar einen mehrstufigen!

In meinem speziellen Fall geht es vermutlich bald sogar noch weiter. Ich zahle nämlich seit Anfang 2011 meine Kirchensteuer nicht an die katholische sondern an die evangelische Kirche. Warum? Weiß ich nicht… ist wohl etwas schief gelaufen. Das führte im Gericht zu der lustigen Diskussion, ob ich nicht aus der evangelischen Kirche austreten solle…. nein, nein, das ist kein Witz! Allerdings wäre das trotzdem ein ganz fantastischer Loriot-Sketsch geworden. Es wurde mir ernsthaft angeraten, aus der evangelischen Kirche auszutreten, statt aus der katholischen, weil ich ja dorthin die Steuer abgebe. Mein Hinweis, dass ich ja gar nicht aus der evangelischen austreten kann, weil ich dort ja gar kein Mitglied bin wurde mit der Bemerkung beantwortet, dass es aber sein kann, dass das Finanzamt will, dass ich das tue, weil die ja eben meinen, das ich Protestant bin – sie negieren quasi die Realität und tauschen sie gegen ihre Amtsrealität aus, oder so. Ist das schon Blasphemie? Ich merke gerade, das passt auch prima auf einen Monty Python-Sketsch.

Mal abschließend: Es gibt doch wirklich überhaupt gar keinen Grund, warum man dieses Verfahren so vielstufig ist und nicht via Internet, Epostbrief oder normalem Brief bzw. Fax in Gang gesetzt werden könnte. Auch darf man für 30 Euro doch wohl auch erwarten, dass eine standartisierte Kommunikation zwischen Gericht und Finanzamt und Arbeitgeber stattfindet. Und ich glaube, das ist auch jedem der Prozess-Entscheider (so nenne ich die Damen und Herren einfach mal) bewusst. Aber aus der eigenen Erfahrung weiß ich ja eben auch, dass man diesen Austritt gern vor sich her schiebt, weil er so „aufwendig“ ist. Das ist so ein bisschen so, wie der gut versteckte „Profil-Löschen“-Button auf Webseiten. Ich finde, das ist eine Frechheit. Aber ganz nebenbei ein Zeichen für hervorrangende Lobbyarbeit der Kirchen. Bravo!

Ich werde euch auf dem Laufenden halten, aus wievielen Kirchen ich noch austreten muss, – in die ich zwar nie eingetreten bin, aber was solls – um kirchensteuerfrei leben zu können.

Kommentar verfassen